20. Februar 2007, 14:25 Uhr
Von Florian Mikorey
Österreich

"Kommen Sie zu uns, wir haben nichts!"

Tief in den Alpen, in Osttirol, hält sich ein Tal den ganz modernen Skizirkus mit all seinen Begleiterscheinungen vom Hals. Nicht ohne Erfolg. Denn wer ins Villgratental kommt, wird mit unvergleichlichen Naturerlebnissen belohnt.
 
 
Foto: Florian Mikorey
Das Villgratental ist das einzige Tiroler Tal, das bis heute ohne Seilbahnen, Hotels und Feriendörfer auskommt. Im Bild: die Kamliesenalm.  
Wir notieren das Jahr 2007 und werfen einen Blick in unser benachbartes Mozartkugelparadies, das winterliche Österreich. Ein Land wie ein riesiger gespickter Rehrücken, zerstochert und malträtiert von tausenden Stahlträgern, gehalten im zarten Würgegriff der Seilbahnen, Lifttrassen und dröge hingeklatschten Après Bars oder ähnlichen Belustigungsschuppen. Allerorten konkurrieren heute denaturierte Alpentäler, oft leb- und seelenlos, um die Gunst des konsumwilligen Spaßurlaubers. Kahlrasierte Berghänge, aufbetonierte Ferienschneisen - die Bilder einer künstlich wiederbelebten, mühsam inszenierten Prothesen-Natur. Ganz im Sinne der modernen Wohlfühllehre. Das Prahlen mit Superlativen gehört ja seit Jahr und Tag zum vermeintlich guten Ton. In ganz Österreich?

Der Vergleich mit dem kleinen gallischen Dorf drängt sich auf

Nein. Nur beinahe. Das Osttiroler Villgratental, bevölkert von einem merkwürdig hartnäckigen, widerspenstigen Schlag Menschen, schert sich herzlich wenig um derartige Bestrebungen. Eher im Gegenteil, einige der knapp 2000 Einwohner im Tal werben gar mit einer kantigen Botschaft: „Kommen Sie zu uns – wir haben nichts!“ Nicht üblicher High-Tech Schnickschnack, nicht brachiale Erschließung bis der Arzt kommt, sondern deren Abwesenheit kultivieren sie. Ein bisschen erinnert das Ganze natürlich unweigerlich an das kleine Dorf mit den störrischen Galliern, die unbeirrt allen Stürmen und Einverleibungen trotzen. Nun gut, klingt so weit stimmig, hat irgendwie Pfiff, nur was bedeutet NICHTS?
Gespannt schlängelt sich der neugierige Winterreisende erst durch schnöde Sekundärlandschaften, vorbei am Felbertauerntunnel, dann hinein ins quirlige Hochpustertal. Bis Sillian, dem Hauptort der Region, deutet rein gar nichts auf bewusst rückständige Verhältnisse. Dort zweigt eine kleine Strasse rechts ab ins Villgratental. Jetzt allmählich, so Kurve um Kurve, mit jedem Höhenmeter, entsteht das Bild einer Gegend, in der die Zeit schockgefroren scheint, oder mit Sprühkleber fixiert, irgendwann vor längerer Zeit. Spätestens in Innervillgraten, wo nicht mal tausend Menschen leben, keimt die Frage auf: alles echt oder optische Täuschung? Sieht auf den ersten Blick so aus, als wären Liftschneisen, betonierte Bettenburgen und grelle Funparks für eine geldige Filmproduktion mit dem Titel „Seinerzeit“ geschickt wegretouschiert worden.

Schlaraffenland für Naturliebhaber

Ist aber nicht so. Ringsum steile, dicht bewaldete Hänge, schroffe Bergflanken, klare Bäche, ehrwürdige Bauernhäuser und unversehrte Almen, so erhaben, dass jeder Location-Scout für Heimatfilme sich die Finger danach lecken könnte. Was übrigens auch geschieht. Hier müssen Fuchs und Hase nicht unter dem vollverschalten Vierersessel ihr Gute-Nacht-Sprüchlein loswerden, ihnen und den Menschen im Tal gebührt die pure Natur. Ein Schlaraffenland für Naturliebhaber, Wanderer - und: Skibergsteiger!
Natürlich spähen auch hier lechzende Investoren und Befürworter des Brechstangen-Tourismus nach Chancen für einen Ausbau. Doch von segensreichem Wertzuwachs im Zuge dessen ist, zum Glück, nur eine Minderheit überzeugt. „Rund siebzig Prozent der Villgrater und gut neunzig Prozent unserer Gäste befürworten den wirklich naturnahen Fremdenverkehr, sie stehen hinter unserer Linie, die eine Erschließung vermeiden soll“, erklärt Oswald Fürhapter vom Tourismusverband Innervillgraten. Diese weitsichtige Strategie scheint also aufzugehen, und mittel- wie langfristig dürften die Villgrater somit über ein ebenso rares wie nahezu unbezahlbares Gut verfügen. Markant und wenig auf kuschelweich gespülte Diplomatie bedacht, bringt Josef Schett, Inhaber des Betriebes „Villgrater Natur“, das örtliche Anliegen auf den Punkt: „Wir wollen einfach nicht auf den Strich gehen, wie so viele andere in Tirol.“
 

Vieles anders, alles eigentümlich

Villgrater pfeifen auf den mainstream, sie sprechen Ladinisch, zählen auf ihre Schafe, nennen einen Berg zum Beispiel „Pürglers Gungge“, steigen bisweilen gern auf einen solchen, teils zu Hunderten mit Ski und Fell. Und da kann dann auf Gipfelhöhe auch mal ein hoher Priester dabei sein, denn im Tal predigen kann schließlich jedermann.
Skitouren gehen, darum geht es hier im Winter. Skitouren, eine Villgrater Kernkompetenz, wenn man so will. Wochenlang könnten sich Tourengeher in der hiesigen und nahegelegenen Berwelt vor Freude die Hacken wundlaufen und müssten dennoch keine einzige Wiederholung einplanen.
Morgens kurz nach halb sieben, keine Wolke über dem Tal, diffuses Licht lässt die mehlfarbenen Gipfel durchschimmern, noch tänzelt die Sonne im Schlafmantel. Letzte Handgriffe beim Packen des Rucksacks und ein kräftiger Schluck Kaffee mit Kippe auf dem Balkon vom Gannerhof. Dann keucht der blaue VW-Bus von Hannes Grüner den Talboden herauf zu uns. Eine knappe, wenn auch herzliche Begrüßung, Zeug rein, Tür zu und los. Keine Stunde später keimen erste Reuegefühle wegen der suboptimalen Vorbereitung auf: monatelang einseitiges Training an Maus und Tastatur, gestern erster abendlicher Testlauf durch den Weinkeller im Gannerhof, dann obendrauf die Frühstückszigarette.
Schweren Fußes schnauben Kollege Andreas und ich hinter Hannes, unserem drahtigen und erschreckend leichtfüßigen Bergführer, den frisch gespurten Weg zur Kreuzspitze hinauf. Auffallend, ja fast irritierend, wie ruhig absolute Ruhe tatsächlich ist, denn kein Lärm trübt hier das Bergerlebnis, einzige Geräuschquelle: das monotone Schlurfen unserer Ski und Felle. Ein paar Kehren weiter zwingen leichte Blessuren und erste Blasen zum verstärkten Abkleben der Knöchel und Schienbeine, und das kommentiert unser bärtiger Bergfex nur kopfschüttelnd: „Des Graffl kansch glei verwerfn“, womit er andeuten wollte, dass unser Schuhwerk nicht gerade der echte Knüller sei. Wir schlurfen trotzdem weiter.

Die Lawine weiß nicht, dass du Experte bist

Zwischendurch unterrichtet uns Hannes in Lawinenkunde, klärt auf über die möglichen Beurteilungen der Schneelage und warnt vor Überheblichkeit: „Auch wenn du Experte bisch, pass auf, die Lawine weiß nicht, dass du Experte bisch.“
Auf den letzten Metern weicht die Erschöpfung zugunsten einer satten Euphorie. Oben am Gipfel verschmelzen auf einmal wortloses Staunen, seeliges Grinsen und narkotisierende Zufriedenheit zu einem meditativen Gesamtkunstwerk. Die Schwünge hinab über staubende Hänge ins Tal wecken nur neuen Hunger. Rotbackig und strahlend wie Kinder sollten wir zwei weitere Gipfel in den nächsten Tagen unter der sicheren Obhut von Hannes Grüner, dem die Villgrater Berge seit über 20 Jahren bestens vertraut sind, meistern.