Tief in den Alpen, in Osttirol, hält sich ein Tal den ganz modernen Skizirkus
mit all seinen Begleiterscheinungen vom Hals. Nicht ohne Erfolg. Denn wer ins
Villgratental kommt, wird mit unvergleichlichen Naturerlebnissen belohnt.
Foto: Florian Mikorey
Das Villgratental ist das einzige Tiroler Tal,
das bis heute ohne Seilbahnen, Hotels und Feriendörfer auskommt. Im Bild:
die Kamliesenalm.
Wir notieren das Jahr 2007 und werfen einen Blick in unser benachbartes
Mozartkugelparadies, das winterliche Österreich. Ein Land wie ein riesiger
gespickter Rehrücken, zerstochert und malträtiert von tausenden
Stahlträgern, gehalten im zarten Würgegriff der Seilbahnen, Lifttrassen und
dröge hingeklatschten Après Bars oder ähnlichen Belustigungsschuppen.
Allerorten konkurrieren heute denaturierte Alpentäler, oft leb- und
seelenlos, um die Gunst des konsumwilligen Spaßurlaubers. Kahlrasierte
Berghänge, aufbetonierte Ferienschneisen - die Bilder einer künstlich
wiederbelebten, mühsam inszenierten Prothesen-Natur. Ganz im Sinne der
modernen Wohlfühllehre. Das Prahlen mit Superlativen gehört ja seit Jahr und
Tag zum vermeintlich guten Ton. In ganz Österreich?
Der Vergleich mit dem kleinen gallischen Dorf drängt sich auf
Nein. Nur beinahe. Das Osttiroler Villgratental, bevölkert von einem
merkwürdig hartnäckigen, widerspenstigen Schlag Menschen, schert sich
herzlich wenig um derartige Bestrebungen. Eher im Gegenteil, einige der
knapp 2000 Einwohner im Tal werben gar mit einer kantigen Botschaft: „Kommen
Sie zu uns – wir haben nichts!“ Nicht üblicher High-Tech Schnickschnack,
nicht brachiale Erschließung bis der Arzt kommt, sondern deren Abwesenheit
kultivieren sie. Ein bisschen erinnert das Ganze natürlich unweigerlich an
das kleine Dorf mit den störrischen Galliern, die unbeirrt allen Stürmen und
Einverleibungen trotzen. Nun gut, klingt so weit stimmig, hat irgendwie
Pfiff, nur was bedeutet NICHTS?
Gespannt schlängelt sich der neugierige Winterreisende erst durch schnöde
Sekundärlandschaften, vorbei am Felbertauerntunnel, dann hinein ins quirlige
Hochpustertal. Bis Sillian, dem Hauptort der Region, deutet rein gar nichts
auf bewusst rückständige Verhältnisse. Dort zweigt eine kleine Strasse
rechts ab ins Villgratental. Jetzt allmählich, so Kurve um Kurve, mit jedem
Höhenmeter, entsteht das Bild einer Gegend, in der die Zeit schockgefroren
scheint, oder mit Sprühkleber fixiert, irgendwann vor längerer Zeit.
Spätestens in Innervillgraten, wo nicht mal tausend Menschen leben, keimt
die Frage auf: alles echt oder optische Täuschung? Sieht auf den ersten
Blick so aus, als wären Liftschneisen, betonierte Bettenburgen und grelle
Funparks für eine geldige Filmproduktion mit dem Titel „Seinerzeit“
geschickt wegretouschiert worden.
Schlaraffenland für Naturliebhaber
Ist aber nicht so. Ringsum steile, dicht bewaldete Hänge, schroffe
Bergflanken, klare Bäche, ehrwürdige Bauernhäuser und unversehrte Almen, so
erhaben, dass jeder Location-Scout für Heimatfilme sich die Finger danach
lecken könnte. Was übrigens auch geschieht. Hier müssen Fuchs und Hase nicht
unter dem vollverschalten Vierersessel ihr Gute-Nacht-Sprüchlein loswerden,
ihnen und den Menschen im Tal gebührt die pure Natur. Ein Schlaraffenland
für Naturliebhaber, Wanderer - und: Skibergsteiger!
Natürlich spähen auch hier lechzende Investoren und Befürworter des
Brechstangen-Tourismus nach Chancen für einen Ausbau. Doch von segensreichem
Wertzuwachs im Zuge dessen ist, zum Glück, nur eine Minderheit überzeugt.
„Rund siebzig Prozent der Villgrater und gut neunzig Prozent unserer Gäste
befürworten den wirklich naturnahen Fremdenverkehr, sie stehen hinter
unserer Linie, die eine Erschließung vermeiden soll“, erklärt Oswald
Fürhapter vom Tourismusverband Innervillgraten. Diese weitsichtige Strategie
scheint also aufzugehen, und mittel- wie langfristig dürften die Villgrater
somit über ein ebenso rares wie nahezu unbezahlbares Gut verfügen. Markant
und wenig auf kuschelweich gespülte Diplomatie bedacht, bringt Josef Schett,
Inhaber des Betriebes „Villgrater Natur“, das örtliche Anliegen auf den
Punkt: „Wir wollen einfach nicht auf den Strich gehen, wie so viele andere
in Tirol.“
Vieles anders, alles eigentümlich
Villgrater pfeifen auf den mainstream, sie sprechen Ladinisch, zählen auf
ihre Schafe, nennen einen Berg zum Beispiel „Pürglers Gungge“, steigen
bisweilen gern auf einen solchen, teils zu Hunderten mit Ski und Fell. Und
da kann dann auf Gipfelhöhe auch mal ein hoher Priester dabei sein, denn im
Tal predigen kann schließlich jedermann.
Skitouren gehen, darum geht es hier im Winter. Skitouren, eine Villgrater
Kernkompetenz, wenn man so will. Wochenlang könnten sich Tourengeher in der
hiesigen und nahegelegenen Berwelt vor Freude die Hacken wundlaufen und
müssten dennoch keine einzige Wiederholung einplanen.
Morgens kurz nach halb sieben, keine Wolke über dem Tal, diffuses Licht
lässt die mehlfarbenen Gipfel durchschimmern, noch tänzelt die Sonne im
Schlafmantel. Letzte Handgriffe beim Packen des Rucksacks und ein kräftiger
Schluck Kaffee mit Kippe auf dem Balkon vom Gannerhof. Dann keucht der blaue
VW-Bus von Hannes Grüner den Talboden herauf zu uns. Eine knappe, wenn auch
herzliche Begrüßung, Zeug rein, Tür zu und los. Keine Stunde später keimen
erste Reuegefühle wegen der suboptimalen Vorbereitung auf: monatelang
einseitiges Training an Maus und Tastatur, gestern erster abendlicher
Testlauf durch den Weinkeller im Gannerhof, dann obendrauf die
Frühstückszigarette.
Schweren Fußes schnauben Kollege Andreas und ich hinter Hannes, unserem
drahtigen und erschreckend leichtfüßigen Bergführer, den frisch gespurten
Weg zur Kreuzspitze hinauf. Auffallend, ja fast irritierend, wie ruhig
absolute Ruhe tatsächlich ist, denn kein Lärm trübt hier das Bergerlebnis,
einzige Geräuschquelle: das monotone Schlurfen unserer Ski und Felle. Ein
paar Kehren weiter zwingen leichte Blessuren und erste Blasen zum
verstärkten Abkleben der Knöchel und Schienbeine, und das kommentiert unser
bärtiger Bergfex nur kopfschüttelnd: „Des Graffl kansch glei verwerfn“,
womit er andeuten wollte, dass unser Schuhwerk nicht gerade der echte
Knüller sei. Wir schlurfen trotzdem weiter.
Die Lawine weiß nicht, dass du Experte bist
Zwischendurch unterrichtet uns Hannes in Lawinenkunde, klärt auf über die
möglichen Beurteilungen der Schneelage und warnt vor Überheblichkeit: „Auch
wenn du Experte bisch, pass auf, die Lawine weiß nicht, dass du Experte
bisch.“
Auf den letzten Metern weicht die Erschöpfung zugunsten einer satten
Euphorie. Oben am Gipfel verschmelzen auf einmal wortloses Staunen, seeliges
Grinsen und narkotisierende Zufriedenheit zu einem meditativen
Gesamtkunstwerk. Die Schwünge hinab über staubende Hänge ins Tal wecken nur
neuen Hunger. Rotbackig und strahlend wie Kinder sollten wir zwei weitere
Gipfel in den nächsten Tagen unter der sicheren Obhut von Hannes Grüner, dem
die Villgrater Berge seit über 20 Jahren bestens vertraut sind, meistern.