20. Februar 2007, 09:46 Uhr
Von Uta Buhr
Österreich

Noch gilt das Hochpustertal als Geheimtipp

Das Hochpustertal im Süden Osttirols ist ein entlegenes Gebiet, in dem die Zeit stehen geblieben war. Inzwischen ist hier viel in die weiße Industrie investiert worden. In dem "urtiroler" Schneeloch ist Wintersport bis Ostern möglich.
 
«Schneeloch» in Osttirol: Das Hochpustertal gilt noch als Geheimtipp
 
Foto: Osttirol_Werbung/Sochor
Spaß auf der Piste: Auch in Sillian in Osttirol gibt es spezielle Skikurse für Kinder
„Heuer hat der Thurntaler Urban uns wieder was guats g’tan und viel Schnee g’schickt.“ Bergführer Sepp Niedertscheider betrachtet den grauen Himmel mit Wohlwollen. Seit Stunden fallen dicke Flocken. Sie legen sich wie ein weißer Mantel auf die umliegenden Berge und verwandeln die wehrhafte Burg Heinfels in ein Märchenschloss. Dort oben wurde der Urban im 14. Jahrhundert von der örtlichen Gerichtsbarkeit wegen Hexerei zum Tode verurteilt. Mit sintflutartigen Regenschauern und Hagelschlag hatte der riesige Mann sich für die schlechte Behandlung durch die Silianer rächen wollen und sogar angefangen, das Tal mit einer großen Schaufel umgegraben.

„Aber Gott hat uns damals g’rettet und den Urban geläutert“, erzählt ein schmunzelnder Ulli Walder, Hotelier und Betreiber der Bergbahn am Pietersberg, der auf 1300 Höhenmetern liegt. Hier an Ullis „Hausberg“ tummeln sich Skifans aller Altersklassen. Es sind bereits Fünfjährige dabei, die mit leuchtenden Augen ihre erste Stunde auf der Übungspiste absolvieren. Der Slogan der „Dolomitenresidenz Sporthotel Sillian“ am Fuße des Berges lautet: „Vom Bett aufs Brett.“ Denn hier schnallt man sich die Skier vor der Haustür unter, überquert die Straße und ist sofort mitten drin im Winterparadies.

Ein Wintersportgebiet wie aus dem Bilderbuch
Das Hochpustertal, gelegen im Süden Osttirols und eingebettet in einen Kranz hoher eisgekrönter Berggipfel zwischen Südtirol, Salzburg und Kärnten, ist ein Wintersportgebiet wie aus dem Bilderbuch mit optimalen klimatischen Bedingungen. „Unser Tal ist ein Schneeloch“, kommentiert Otto Trauner vom Tourismusverband Hochpustertal. „Es bietet Schneesicherheit bis etwa Ostern. Und auch die Sonne meint es immer gut mit uns.“ Lienz, die Bezirkshauptstadt, verzeichnet 2400 Sonnenstunden im Jahr. Dieses südliche Flair hat in jüngster Zeit einen Bildhauer dazu bewegt, drei große kalkweiße Köpfe auf dem Südtiroler Platz zu installieren, die lebhaft an die monumentalen Skulpturen auf der Osterinsel erinnern. Die Bevölkerung, so Otto Trauner, ist „not amused.“ Kinder haben direkt daneben einen Schneemann gebaut. „Schad’, dass die greißlichen Köpf’ im Frühjahr net genau so wegschmelzen wie der“, granteln die Lienzer.
Einst bezeichneten Spötter das Hochpustertal als den „Herrgottswinkel“ Österreichs – ein entlegenes Gebiet, in dem die Zeit stehen geblieben war. Inzwischen ist hier viel in die weiße Industrie investiert worden. Eine stetig wachsende Zahl von Touristen fühlt sich von diesem „Urtirol“ angezogen. „Wir verstehen es halt, alte Traditionen mit modernen Wintersporteinrichtungen zu verbinden. Vor allen Dingen ist’s bei uns g’miatlich, Das schätzen die Leut’.“ Die Einheimischen freuen sich, dass viele Gäste am Sonntagmorgen eine der schönen Kirchen im Tal zur Messe aufsuchen, bevor sie wieder auf die Piste gehen.
Das Skigebiet ist zwar relativ klein, aber sehr fein
60 Kilometer gepflegte Pisten und 200 Kilometer gespurte Loipen können sich sehen lassen, zumal mit Hochdruck an einer Skischaukel gearbeitet wird, die das Tal mit den angrenzenden Gebieten verbinden soll. Der Super-Skipass „Kärnten-Osttirol“ macht jetzt schon eine Grenzüberschreitung möglich. Der Chip gewährt Zutritt zu sämtlichen Skigebieten in Kärnten und Osttirol auf einer Länge von 900 Pistenkilometern. Sieben Tage kosten während der Hauptsaison 177 Euro. Jugendliche und Senioren zahlen 142 Euro. „Spaß auf den Brettln, dem Schlitten oder zu Fuß. Unser Tal bietet jedem etwas“, sagt Otto Trauner. „Neben Pisten und Loipen haben wir noch eine Reihe von Eislaufplätzen, geräumten Wanderwegen und Rodelbahnen.“ Am tollsten ist eine Rodelpartie auf der 1790 Meter hohen Rauchkofel. Sie misst 10 km. Davon sind 5 km abends beleuchtet. Eine Bahn, die es in sich hat und deshalb nur von geübten Rodlern genutzt werden sollte.
 

Wer noch höher hinaus will, melde sich bei „dem Franz.“ Er ist nicht nur Herr der Schneekanonen, sondern geht gern auch im Winter mit dem Gleitschirm in die Luft und erteilt Interessenten Unterricht über Technik und Thermik. Wir treffen den drahtigen Mann auf dem höchsten Punkt des Hochpustertals, der Thurntalerspitze auf 2407 Metern. Diesmal auf Skiern, denn ein ausgezeichneter Läufer ist er auch. „Es ist jetzt genau 10 Uhr“, sagt er und weist auf einen Berg, der in gleißendes Sonnenlicht getaucht ist. „Man nennt diese Bergkette die größte Sonnenuhr der Welt. Die Berge heißen der Neuner, der Zehner, der Elfer, der Zwölfer und der Einser. Die Sonne steht jeweils zur vollen Stunde über einem dieser Gipfel.“ Ein grandioser Anblick mit der 3100 Meter hohen Dreischusterspitze im Hintergrund! Der Thurntaler ist das angesagteste Gebiet der ganzen Region. Eine moderne Einseilumlaufbahn, zwei Viersesselbahnen und drei Schlepplifte erschließen 45 Kilometer beschneite Pisten aller Schwierigkeitsgrade. Der angeschlossene Snowfunpark Hochpustertal ist ein Eldorado für Freestyler und Snowboarder. „Hier kommst’ dir vor wie im Zirkus. Was die Freaks da vorführen, sind wahre Kunststücke“, bewundert Franz die Pisten-Akrobaten.

Natur pur im Villgratental
Anhänger des „naturnahen“ Wintersports bevorzugen das Villgratental. In dieses stille Tal sind bislang weder Skilifte noch Gondeln vorgedrungen. Ein kostenloser Skibus fährt die Strecke Sillian-Innervillgraten in wenigen Minuten. Skitouren führen bis auf eine Höhe von 2800 Metern. Für die mehrere Stunden dauernde Bergbesteigung werden die Bretter mit Fellen bespannt. Für die Fahrt zurück ins Tal entfernt man diese. „So machten es schon unsere Altvorderen“, erzählen die Menschen in Kalkstein. „Früher verwandte man Kuhhaut und Ziegenfelle. Heute sind die Bezüge aus Kunststoff.“ In dem urigen Dorf legen die Gipfelstürmer gern eine Rast ein und laben sich an den Pustertaler Leckereien. Die Schlipf- und Fleischkrapfen in brauner Butter sind ein Hochgenuss. Dazu gehört auch immer ein Gläschen „Pregler.“ Der aus Äpfeln und Birnen gebrannte Hochprozentige bringt selbst das müdeste Skihaserl wieder auf die Beine.