Das Hochpustertal im Süden Osttirols ist ein entlegenes Gebiet, in dem die
Zeit stehen geblieben war. Inzwischen ist hier viel in die weiße Industrie
investiert worden. In dem "urtiroler" Schneeloch ist Wintersport bis Ostern
möglich.
„Heuer hat der Thurntaler Urban uns wieder was guats g’tan und viel Schnee
g’schickt.“ Bergführer Sepp Niedertscheider betrachtet den grauen Himmel mit
Wohlwollen. Seit Stunden fallen dicke Flocken. Sie legen sich wie ein weißer
Mantel auf die umliegenden Berge und verwandeln die wehrhafte Burg Heinfels
in ein Märchenschloss. Dort oben wurde der Urban im 14. Jahrhundert von der
örtlichen Gerichtsbarkeit wegen Hexerei zum Tode verurteilt. Mit
sintflutartigen Regenschauern und Hagelschlag hatte der riesige Mann sich
für die schlechte Behandlung durch die Silianer rächen wollen und sogar
angefangen, das Tal mit einer großen Schaufel umgegraben.
„Aber Gott hat uns damals g’rettet und den Urban geläutert“, erzählt ein
schmunzelnder Ulli Walder, Hotelier und Betreiber der Bergbahn am
Pietersberg, der auf 1300 Höhenmetern liegt. Hier an Ullis „Hausberg“
tummeln sich Skifans aller Altersklassen. Es sind bereits Fünfjährige dabei,
die mit leuchtenden Augen ihre erste Stunde auf der Übungspiste absolvieren.
Der Slogan der „Dolomitenresidenz Sporthotel Sillian“ am Fuße des Berges
lautet: „Vom Bett aufs Brett.“ Denn hier schnallt man sich die Skier vor der
Haustür unter, überquert die Straße und ist sofort mitten drin im
Winterparadies.
Ein Wintersportgebiet wie aus dem Bilderbuch
Das Hochpustertal, gelegen im Süden Osttirols und eingebettet in einen Kranz
hoher eisgekrönter Berggipfel zwischen Südtirol, Salzburg und Kärnten, ist
ein Wintersportgebiet wie aus dem Bilderbuch mit optimalen klimatischen
Bedingungen. „Unser Tal ist ein Schneeloch“, kommentiert Otto Trauner vom
Tourismusverband Hochpustertal. „Es bietet Schneesicherheit bis etwa Ostern.
Und auch die Sonne meint es immer gut mit uns.“ Lienz, die
Bezirkshauptstadt, verzeichnet 2400 Sonnenstunden im Jahr. Dieses südliche
Flair hat in jüngster Zeit einen Bildhauer dazu bewegt, drei große kalkweiße
Köpfe auf dem Südtiroler Platz zu installieren, die lebhaft an die
monumentalen Skulpturen auf der Osterinsel erinnern. Die Bevölkerung, so
Otto Trauner, ist „not amused.“ Kinder haben direkt daneben einen Schneemann
gebaut. „Schad’, dass die greißlichen Köpf’ im Frühjahr net genau so
wegschmelzen wie der“, granteln die Lienzer.
Einst bezeichneten Spötter das Hochpustertal als den „Herrgottswinkel“
Österreichs – ein entlegenes Gebiet, in dem die Zeit stehen geblieben war.
Inzwischen ist hier viel in die weiße Industrie investiert worden. Eine
stetig wachsende Zahl von Touristen fühlt sich von diesem „Urtirol“
angezogen. „Wir verstehen es halt, alte Traditionen mit modernen
Wintersporteinrichtungen zu verbinden. Vor allen Dingen ist’s bei uns
g’miatlich, Das schätzen die Leut’.“ Die Einheimischen freuen sich, dass
viele Gäste am Sonntagmorgen eine der schönen Kirchen im Tal zur Messe
aufsuchen, bevor sie wieder auf die Piste gehen.
Das Skigebiet ist zwar relativ klein, aber sehr fein
60 Kilometer gepflegte Pisten und 200 Kilometer gespurte Loipen können sich
sehen lassen, zumal mit Hochdruck an einer Skischaukel gearbeitet wird, die
das Tal mit den angrenzenden Gebieten verbinden soll. Der Super-Skipass
„Kärnten-Osttirol“ macht jetzt schon eine Grenzüberschreitung möglich. Der
Chip gewährt Zutritt zu sämtlichen Skigebieten in Kärnten und Osttirol auf
einer Länge von 900 Pistenkilometern. Sieben Tage kosten während der
Hauptsaison 177 Euro. Jugendliche und Senioren zahlen 142 Euro. „Spaß auf
den Brettln, dem Schlitten oder zu Fuß. Unser Tal bietet jedem etwas“, sagt
Otto Trauner. „Neben Pisten und Loipen haben wir noch eine Reihe von
Eislaufplätzen, geräumten Wanderwegen und Rodelbahnen.“ Am tollsten ist eine
Rodelpartie auf der 1790 Meter hohen Rauchkofel. Sie misst 10 km. Davon sind
5 km abends beleuchtet. Eine Bahn, die es in sich hat und deshalb nur von
geübten Rodlern genutzt werden sollte.
Wer noch höher hinaus will, melde sich bei „dem Franz.“ Er ist nicht nur
Herr der Schneekanonen, sondern geht gern auch im Winter mit dem Gleitschirm
in die Luft und erteilt Interessenten Unterricht über Technik und Thermik.
Wir treffen den drahtigen Mann auf dem höchsten Punkt des Hochpustertals,
der Thurntalerspitze auf 2407 Metern. Diesmal auf Skiern, denn ein
ausgezeichneter Läufer ist er auch. „Es ist jetzt genau 10 Uhr“, sagt er und
weist auf einen Berg, der in gleißendes Sonnenlicht getaucht ist. „Man nennt
diese Bergkette die größte Sonnenuhr der Welt. Die Berge heißen der Neuner,
der Zehner, der Elfer, der Zwölfer und der Einser. Die Sonne steht jeweils
zur vollen Stunde über einem dieser Gipfel.“ Ein grandioser Anblick mit der
3100 Meter hohen Dreischusterspitze im Hintergrund! Der Thurntaler ist das
angesagteste Gebiet der ganzen Region. Eine moderne Einseilumlaufbahn, zwei
Viersesselbahnen und drei Schlepplifte erschließen 45 Kilometer beschneite
Pisten aller Schwierigkeitsgrade. Der angeschlossene Snowfunpark
Hochpustertal ist ein Eldorado für Freestyler und Snowboarder. „Hier kommst’
dir vor wie im Zirkus. Was die Freaks da vorführen, sind wahre Kunststücke“,
bewundert Franz die Pisten-Akrobaten.
Natur pur im Villgratental
Anhänger des „naturnahen“ Wintersports bevorzugen das Villgratental. In
dieses stille Tal sind bislang weder Skilifte noch Gondeln vorgedrungen. Ein
kostenloser Skibus fährt die Strecke Sillian-Innervillgraten in wenigen
Minuten. Skitouren führen bis auf eine Höhe von 2800 Metern. Für die mehrere
Stunden dauernde Bergbesteigung werden die Bretter mit Fellen bespannt. Für
die Fahrt zurück ins Tal entfernt man diese. „So machten es schon unsere
Altvorderen“, erzählen die Menschen in Kalkstein. „Früher verwandte man
Kuhhaut und Ziegenfelle. Heute sind die Bezüge aus Kunststoff.“ In dem
urigen Dorf legen die Gipfelstürmer gern eine Rast ein und laben sich an den
Pustertaler Leckereien. Die Schlipf- und Fleischkrapfen in brauner Butter
sind ein Hochgenuss. Dazu gehört auch immer ein Gläschen „Pregler.“ Der aus
Äpfeln und Birnen gebrannte Hochprozentige bringt selbst das müdeste
Skihaserl wieder auf die Beine.